Donnerstag, Juni 22, 2006

Zu viele Auswanderer

Sogar das Manager-Magazin nimmt sich des Themas Auswanderung aus Deutschland an. Titelthema des aktuellen (7/2006) Heftes: Deutschland blutet aus. Zum Artikel.

Dazu nur eine kurze Anmerkung von meiner Seite: Letzten Freitag habe ich meinen Lebenslauf in einer Stellenbörse veröffentlicht, um mal zu sehen, wie der Markt für Softwareentwickler gerade aussieht, da es durchaus möglich ist, daß unsere Zeit beim SAT im September endet.

Seither erhalte ich pro Tag mindestens eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Klar, da sind Firmen dabei, die mich auf Honorarbasis einfach nur weitervermieten wollen, aber auch Angebote, die tatsächlich überlegenswert sind. Nur zum Vergleich: Als 2002 mein Arbeitgeber pleite ging, habe ich meinen Lebenslauf in so ziemlich allen deutschen und französischen Stellenbörsen veröffentlicht, die einzigen, die sich daraufhin gemeldet haben, wollten mir teure Bewerbungsseminare verkaufen.

Ich hab' mich damals sogar über Absagen gefreut (was anderes kam sowieso nicht), weil viele Firmen erst auf Nachfrage mitteilten, daß die Bewerbung zwar angekommen ist, aber leider nicht berücksichtigt werden konnte.

Es mag sein, daß die Situation in Deutschland mittlerweile wieder etwas besser aussieht, als das vor 4 Jahren der Fall war, trotzdem wundert es mich nicht, daß Euch die Leute weglaufen.

Zugegeben, eine Patentlösung habe ich auch nicht parat, aber immer noch kompliziertere Umverteilungssysteme und Steuererhöhungen, um diese zu finanzieren, werden sicher nicht den gewünschten Erfolg bringen, irgendwer muß nämlich das umzuverteilende Geld erwirtschaften und die, die das tun könnten, laufen gerade davon. Womit wir wieder beim Thema wären.

Kommentare:

  1. Was mich persönlich etwas wundert, ist, dass wir auf einmal wichtig sind für Deutschland. Als ich ging, hat keiner auch nur einen Pfifferling auf meine Durchschnittsnoten/Kenntnisse/Erfahrungen gegeben; ständig diese "Glückwunsch; Sie waren der dritte in unserer Einstellungs-Liste; wir werden ihre Unterlagen hier behalten und auf Sie zurückkommen"-Aussagen, auf die ich mir ein Ei backen konnte (aber keinen Job bekam).

    Ich habe vor Jahren auch versucht, deutschen Kartografie-Firmen meine Dienste freiberuflich von Mexico aus anzubieten (für Mexico-Karten, versteht sich). Ergebnis: ich war zu teuer (da hab' ich echt gestaunt)! Da wurde ein Budget veranschlagt, für das ich hier nicht die Qualität liefern könnte, die gefragt ist. Wie das ein in Deutschland lebender Freiberufler schaffte, ist mir rätselhaft.

    Wenn (ich sage: wenn) eine deutsche Firma mir die gleichen Rahmenbedingungen (und da mache ich eine Ausnahme: die Bezahlung sollte schon angemessen sein) bieten kann, die ich hier habe (und die gleiche Jobsicherheit), dann könnte es schon sein, dass ich mir eine Rückkehr überlegte.
    Aber bis dahin wird wohl noch viel Wasser den Rhein, die Elbe, den Usumacinta und den Pánuco heruntergeflossen sein...

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  2. Jetzt wäre noch interessant, ob das einen internationale, deutsche oder mexikanische Stellenbörse war?

    Gruss Jorgito

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  3. Hallo Andreas,

    bei Roland im Blog gibts ja auch gerade was zu dem Thema.
    Unsere vollkommen unfähige Regierung hat eben keine anderen Einfälle, als die Steuer- und Abgabenschraube immer weiter anzuziehen (und in der EU weiter den Zahlmeister zu spielen), und die Arbeitgeber [Zynismus]wenn sie nicht gerade a la VW mit brasilianischen Nutten das Geld verjubeln [/Zynismus] jammern auch immer nur, dass ja Arbeit soooo teuer ist in D und die Leute sooo unflexibel. Das aber jemand für einen schlecht bezahlten 1-Jahres-Job nicht gerne umziehen oder sogar Haus oder Wohnung verkaufen möchte, das kapieren die Arbeitgeber nicht. :-(
    Und das durch die "Umverteilungsmaschine" EU deutsche Arbeitnehmer über die Steuern quasi indirekt ihre eigene Kündigung finanzieren (in D Firmen zumachen, In Polen oder Rumänien mit satten EU-Fördergeldern wieder aufmachen), ist sowieso ganz traurig.
    Henry Ford soll mal gesagt haben "Autos kaufen keine Autos!". Diese Erkenntnis ist hier in D bei vielen noch nicht angekommen.
    Und, weil ich den Vergleich so gut gelungen finde (ich hab das bei Roland schon zitiert) etwas aus dem Spiel Online Forum:
    "Ich stelle mit vor, wie das ausgesehen hätte, wenn heutige Konzernlenker im 15 Jh. versucht hätten Amerika zu entdecken. Sie hätten bei gutem Wetter alle Seeleute, die sie beim in See stechen nicht brauchen, über die Reling geschubst, um Gewicht und Proviant zu sparen, in der Hoffnung, wenn ein Sturm aufkommt und man viele Leute in den Masten braucht, um die Segel zu raffen, die aus dem Meer fischen zu können, die andere ebenso aus wirtschaftlichen Gründen über Bord gehen ließen." (c) Rainer Daeschler

    Schönes Wochenende und Gruß aus Ostwestfalen, Hollito

    P.S.: Weihnachtsbier klingt gut. :-)

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  4. @Jorgito
    Kannst du nicht schlafen? ;-)))))

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  5. ...und noch nen interessanter Artikel:
    http://blog.zeit.de/herdentrieb/?p=64

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  6. "Unsere vollkommen unfähige Regierung hat eben keine anderen Einfälle (...)"

    Hollito,
    meckern gilt nicht.
    Schließlich hat das deutsche Volk diese Regierung so gewollt (oder zumindest die Voraussetzungen geschaffen); genauso wie die vorhergehende.
    Solange entsprechende Gremien (Politiker sämtlicher Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, etc.) sich nicht ernsthaft (!) zusammensetzen und realitätsnahe Kompromisse (gibt's den Begriff in Deutschland noch? - das ist mehr, als sich nur in der Mitte zweier Positionen zu treffen!) schaffen können, wird's weiter so gehen wie jetzt.

    Andere Länder haben's vor vielen Jahren vorgemacht; bestes Beispiel (auch wenn da jetzt Nachbesserungen erforderlich sind): der künftige Weltmeister ;-) Niederlande.

    Ich wiederhole: jedes Land hat die Regierung, die es verdient.
    Wenn's Dir nicht paßt, engagier' Dich und mach's besser - Du kannst das wenigstens, wir Nicht-im-Land-Geborenen in Mexico leben ja in ständiger latenter Angst für gesellschaftliches Engagement ausgewiesen zu werden (Beispiel: mein Pfadfinder-Erlebnis)

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  7. @jorgito:
    www.occ.com.mx
    gehört wohl zur internationalen Monster-Gruppe.
    Ich bewerbe mich erstmal hier in Mexico, eine Rückkehr nach D reizt mich im Moment überhaupt nicht.

    @hollito
    Sehr interessanter Artikel.
    Einiges zu meiner Motivation hab' ich gerade bei Roland abgeladen, was ich hier noch zum Artikel anmerken möchte:

    Ich habe das Gefühl, daß viele Wähler in D sich nicht wirklich für Politik oder Wirtschaft interessieren. Und wenn dann endlich mal jemand eine Reform anpackt, die zunächst einigen Leuten Nachteile bringt, aber langfristig eine Verbesserung der Wirtschaft bewirken könnte, interessiert bzw. versteht das kaum jemand und bei der nächsten Wahl (und selbst wenn es eine Komunalwahl ist, die keinen Einfluß auf die Bundespolitik hat) wird das Kreuz aus Protest bei den anderen gemacht, da zeigt man es denen da oben mal so richtig.

    Langfristige Reformen können da nicht greifen und das Resultat ist ein Flickenteppich an Gesetzen und Verordnungen und Korrekturen und Ausnahmeregelungen, den niemand mehr versteht.

    Ich gebe die Schuld da sowohl den Politikern als auch den Wählern, die sich das ganze Jahr nicht für Politik interessieren und dann trotzdem wählen gehen. So gesehen ist mir eine niedrige Wahlbeteiligung lieber, wenn die, die Wählen gehen, regelmäßig Zeitung lesen oder Nachrichten schauen (nein, nicht die bei RTLII!)

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  8. Noch ein schönes Beispiel für die unsägliche Klage- und Regulierungswut:
    Dieser Eintrag im lawblog.

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  9. "Das aber jemand für einen schlecht bezahlten 1-Jahres-Job nicht gerne umziehen oder sogar Haus oder Wohnung verkaufen möchte, das kapieren die Arbeitgeber nicht."

    Ich auch nicht.
    Ich bin 1997 für einen Unter-Studenten-Dasein-Niveau-Lohn für 12 Monate nach Vancouver gegangen und Mitte 1998 für die Hälfte des Gehalts, das ich 1995 in Deutschland hatte, nach Mexico umgesiedelt.

    Ich bin heute hier, weil ich die Chance genutzt habe.
    Ich hätte ja auch nach Ende meines Zeitvertrags in D verlängern können. Die Firma ist ein halbes Jahr später pleite gegangen.

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  10. Hui, das ist ja wirklich mal ein Thema, zu dem die Leute was schreiben... :-)

    @Andreas
    Der Link ins lawblog funktioniert nicht.

    Zum Thema Wählen in D: Das Problem ist einfach, dass man nicht mehr weiss, was man noch wählen kann.
    Die SPD war jahrzehntelang die Partei, die die Interessen der "kleinen Leute" vertreten hat. Gazprom-Schröder hat, nachdem er erst den Leuten Aufbruchsstimmung vermittelt hat, auf einen extrem Unternehmer- und Besserverdienenden-Kurs umgeschwenkt. Natürlich zu Lasten der "kleinen Leute". Und die fanden das nicht so lustig. Er hat dann noch mal eine zweite Chance bekommen, wenn auch knapp, weil die Leute geglaubt haben, dass er Reformen zum Wohle aller durchbringen wollte. War aber nen Trugschluss, und er hat sich -wie es ja bekannt ist - einfach verpisst, nachdem er D für die Unternehmer zum Abschuss frei gegeben hat.

    Ich muss zugeben, ich bin letztes Jahr auch nicht mehr wählen gegangen. Ob SPD oder CDU, es ist wie die Auswahl zwischen Pest und Cholera.

    @Roland
    Ob die große Koalition gewollt war, lasse ich mal dahingestellt.

    Fakt ist, das so immer der Weg des geringsten Widerstand gegangen wird. Wie man auf die grandiose Idee kommen kann, eine lahmende Binnennachfrage mit einer saftigen MwSt-Erhöhung zu kontern, hat sich mir ehrlicherweise bis jetzt noch nicht erschlossen...

    Und die Arbeitgeber fordern ständig irgenwelche Erleichterungen, um dann Arbeitsplätze zu schaffen - Fakt ist aber, dass sie zwar die Erleichterungen dankend entgegen genommen haben, aber eher noch Arbeitsplätze abgebaut haben.
    Und die Politik hat zugeschaut und nix gesagt.
    Wenn, wie immer wieder behauptet, die HartzIV Opfer zu viel Geld bekommen, weil ja die Berufsgruppe XY nur 200 Teuro mehr verdient, trotz 40-Stunden Woche, dann zeigt das, das viele Jobs in D so schlecht bezahlt werden, dass die Arbeitnehmer mit ihrem Lohn kaum zurande kommen. Die Antwort darauf sollte aber sein, die Leute besser zu bezahlen, nicht, die HartzIV Opfer noch weiter runter zu drücken.
    Es ist doch total schwachsinnig, den Leuten vorzuwerfen, dass sie mehr Lohn wollen als die Arbeiter in China oder Rumänien. Wenn man einem Mexicaner erzählen würde, dass er in D satte 345 Euro HartzIV Geld bekommt, würde der das zuerst mal wahrscheinlich ganz toll finden - wenn man ihm sagen würde, wie hoch dioe Lebenshaltungskosten hier sind, würde sich das schnell relativieren...

    Zum Schluss nur mal folgendes: Ich hab mich nie arbeitslos gemeldet, ich hab mir immer selber was gesucht, auch wenn es nicht toll war. Und brav meine Beiträge gezahlt. Ich zahle jeden Monat 100 Euro in eine private Rentenversicherung ein, weil man ja von der gesetzlichen Rentenversicherung nicht viel erwarten kann, aber man ist dort ja zwangsversichert (warum eigentlich?) Und wenn ich mal arbeitslos werden sollte, muss ich nach einem Jahr meine private (!) Rentenversicherung auflösen und aufzehren, damit ich nen Anspruch auf HartzIV habe? Was?
    Und die Leute, die immer ihr gesamtes Geld verjubelt haben, stehen zur Belohnung auf der selben Stufe, weil sie nix gespart haben?! So ein Schwachsinn.
    Wie isses eigentlich mit einem Sparkonto in MX, ich habe da jetzt mal IXE ins Auge gefasst. Hat jemand Erfahrung mit dem Laden? Und wie kann ich als Ausländer mit mexicanischer Frau dort nen Konto eröffnen?

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  11. Mist, die Link tun beide nicht, die hat mir der Proxy hier zerschossen.

    Hier also nochmal:
    lawblog
    spiegel

    Ja, das Thema ist gefährlich, ich halte mich aus gutem Grund normalerweise aus politischen Themen raus. Irgendjemand hat mir mal gesagt, ich hätte ein übersteigertes Harmoniebedürfnis :-)

    Beim Lesen des Artikels dachte ich, wenn schon jemand gemerkt hat, daß die Leute davonlaufen, dann kann ich ja mal sagen, warum ich es getan habe. Vielleicht ist ja der nächste Schritt die Einsicht, etwas dagegen tun zu wollen, bevor Deutschland nur noch aus Politikern und HarzIVern besteht und dann könnte meine Meinung ja tatsächlich von Nutzen sein ;-)

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