Mittwoch, Juli 15, 2009

Viktor (VI)

Für heute war die Urteilsverkündung angesetzt worden. Die lief (bzw. hätte in etwa so ablaufen sollen) wie die Visums-Ausgabe auf der Migra: Nach 14 Uhr wird niemand mehr in das Gebäude eingelassen und erst nach diesem Zeitpunkt beginnt die Ausgabe. Im Falle der Migra übrigens in einer für die Wartenden nicht nachvollziehbaren Reihenfolge, immer wieder von langen Pausen unterbrochen, deren Sinn ebenso schwer zu erkennen ist, so dass man im dümmsten Fall den ganzen Nachmittag mit sinnloser Warterei verbringt.

Also wurde heute ein Teil von Viktors Familie bei Gericht vorstellig, in der Hoffnung, ihn anschliessend endlich mit nach Hause nehmen zu können. Nun, die Wartezeit blieb ihnen erspart, der Richter eröffnete ihnen gleich zu Beginn, dass er noch zwei bis zur ersten August-Woche Zeit hätte, das Urteil zu verkünden.

Fragt mich nicht nach Details, die konnte ich aus seiner Mutter nicht herauskriegen, die war natürlich entsprechend verzweifelt, als sie mich informierte.

Montag, Juli 13, 2009

Von Zeugnissen und deren Anerkennung

Evelyn drückt zur Zeit die Schulbank. Zwar hat sie in Deutschland die mittlere Reife erworben, nur wurde die hier leider nicht anerkannt.

Das Problem ist folgendes: Sie hat ein Abschlusszeugnis mit Endnote, Apostille und Übersetzung. Nun gibt es aber keine Tabelle, in denen ausländische Abschlüsse mexikanischen Abschlüssen gleichgestellt werden, das wird nach einem komplizierten Verfahren berechnet. Indem unter anderem berücksichtigt wird, wieviele Stunden eines Unterrichtsfachs der Schüler über sich ergehen hat lassen gelernt hat.

Das heisst für uns, wir müssten von den beiden Jahren, die Evelyn in Deutschland zur Schule gegangen ist, uns die Jahresabschlusszeugnisse besorgen, apostillieren und übersetzen lassen. Und dann nochmal versuchen, das ganze anerkannt zu bekommen.

Das mit dem Übersetzen ist das geringste Problem, das kostet nur Geld. Das mit den Zeugniskopien und der Apostille würde schon schwieriger. Als wir den Rektor des Gymnasiums nach der Apostille auf dem Abschlusszeugnis fragten, wertete der die Frage danach als Zweifel an seiner persönlichen Integrität. Er hätte schliesslich schon viele Zeugnisse ausgestellt und noch nie hätte jemand an deren Echtheit gezweifelt.

Ja, ne, ist klar. Von Meister Scheible hat schliesslich jeder schonmal gehört, der Ruf dieses grossartigen schwäbischen Abendgymnasiumsdirektors ist sicher auch schon bis über den grossen Teich geschwappt. Glücklicherweise hatte die Dame auf dem Oberschulamt eine etwas solidere Beziehung zur Realität.

Zurück zum Thema: Sollten wir also tatsächlich die Zeugniskopien apolstillieren und übersetzen lassen, käme noch die Anerkennung auf uns zu. Wer schon ein bischen Erfahrung mit der mexikanischen Bürokratie hat, kann sich ausmalen, dass das Zeit, Geld und Nerven kostet und der Ausgang ungewiss ist. Der Knallkopf Beamte, bei dem wir vorstellig wurden, sagte uns direkt, er empfehle uns das Ceneval-Examen, das wäre einfacher. Klar, hat er weniger Arbeit. Das ist eine einzige Prüfung, zu der sich wohl jeder anmelden kann und wenn er sie besteht, bekommt er ein Abitur. Und es gibt Schulen, die Vorbereitungskurse zu diesem Examen anbieten. So versuchen wir es eben über diesen Weg, Evelyn geht jetzt drei Monate lang Samstags zur Schule, frischt dort ihr Wissen nochmal auf und versucht ihr Glück dann im September.

Samstag, Juli 04, 2009

Findelkind

Wir haten heute morgen Besuch. Scheinbar hatte sich die kleine verirrt, für eine Straßenkatze sieht sie zu gut aus, außerdem war sie sehr zutraulich, sie lies sich problemlos streicheln und hochnehmen.

Von den Nachbarn kannte sie allerdigs niemand und die Entscheidung, ob wir sie aufnehmen, wurde mir von unseren beiden Katzen abgenommen, sie gingen gemeinsam auf sie los. Vielleicht besser so, zwei Katzen reichen eigentlich.

Textbausteine

Delta hat auf meine Anfrage reagiert. Ich hatte in meiner Mail erwähnt, dass der Flug mit mehr als einer Stunde Verspätung abgeflogen war und hatte gefragt, wie sie denn dazu stehen, dass ihre Flugbegleiter den Passagieren raten, die Schweinegrippen-Kontrollstellen am Flughafen mittels fiebersenkenden Mitteln zu unterlaufen.

Die Antwort besteht aus drei Textbausteinen. Der erste bezieht sich auf die Pünktlichkeit (es gibt immer mal wieder technische Schwierigkeiten, schlechtes Wetter oder andere Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, tut uns leid), im zweiten bedanken sie sich über meine Rückmeldung zum Service des Kabinenpersonals, bedauern, dass das nicht so geklappt hat, wie ich wollte und geloben Besserung. Im dritten Teil kündigen sie dann an, mir einen Reisegutschein über 100 Dollar zu schicken.

Das ist nett, beantwortet aber nicht meine Frage!

Dienstag, Juni 30, 2009

Viktor (V)

Der letzte Eintrag zum Thema ist ja schon mehr als 3 Monate alt, aber es gab bisher immer nur kleine Fortschritte und Einträge über dieses Thema hinterlassen bei mir immer ein ganz fieses Gefühl, so dass ich da etwas nachlässig war.

Nun, der neue Anwalt hat über einen Freund bei der Staatsanwaltschaft herausgefunden, dass wohl jemand Geld dafür bezahlt hat, dass die Ermittlungen so lange wie nur irgend möglich dauern, glücklicherweise konnte besagter Freund der Verschleppung etwas entgegen wirken und so ist morgen endlich die Hauptverhandlung. Der Anwalt ist sehr optimistisch, wenn alles mit rechten Dingen zugeht (um es mal sehr vorsichtig zu formulieren), muss diese mit einem Freispruch enden. Für die Urteilsfindung hat der Richter übrigens eine Woche Zeit, so wie die ganze Geschichte bisher gelaufen ist, würde es mich nicht wundern, wenn er die auch ausnutzt.

Bei allen Beteiligten (allen voran natürlich Viktor) liegen die Nerven blank, die finanziellen Mittel sind wirklich komplett ausgeschöpft und alle hoffen jetzt darauf, dass der Alptraum endlich ein Ende nimmt.

Ich drücke ihm die Daumen!

Donnerstag, Juni 25, 2009

Boston

Letzte Woche durfte ich mal wieder auf einen Kurs, diesmal nach Boston. Tolle Stadt, bisher die Schönste, die ich in den USA besuchen durfte. Das Zentrum ist überschaubar und gut zu Fuss zu erkunden, ausserdem gibt es eine Metro, mit der man auch die Ziele ausserhalb erreicht.

Was ich allerdings blöd fand, sind die Öffnungszeiten der Museen, die machen alle um fünf Uhr abens schon zu, so dass ich da leider vor verschlossenen Türen stand. Schade eigentlich. Dafür habe ich mir Harvard und das MIT angeschaut. Sehen auf den ersten Blick nicht wirklich sehr viel anders aus als andere Universitäten, liegen aber in einer sehr schönen Umgebung, besonders der Fluss hinter dem MIT ist sehr schön. Und immerhin kann ich jetzt von mir behaupten, dass ich auf dem berühmten MIT mal pinkeln war. Und den Freedom Trail, ein Weg der an verschiedenen historischen Orten vorbeiführt, bin ich abgelaufen. Interessant, zumal ich von der amerikanischen Geschichte nur das bischen Grundwissen aus der Schule habe.

Ganz klasse war diesmal auch das Essen. Boston liegt ja direkt am Meer und entsprechend bietet jedes Restaurant Fisch und andere Meerestiere an. Typische Burgerbuden habe ich gar nicht viele gesehen, es gibt in Boston ein chinesisches Viertel, ein Italienisches und die restlichen Restaurants sind überwigend Irisch Pubs. Da gab es leckeres Bier und hervorragendes Essen.

Was zu meckern hab' ich natürlich auch, diesmal trifft es den Flug. Da mittlerweile auch mein Arbeitgeber spart, durfte ich mit Delta fliegen. Der erste Flug ging von Mexico nach New York, über 5 Stunden in einer modernen B737. Tolle Sache, eigener Bildschirm für jeden Passagier und eine relativ grosse Auswahl an Filmen. Allerdings gab es nichts zu essen. Naja, es gab lummelige Sandwiches für 5 Dollar, das fand ich aber etwas unangemessen. Also nahm ich mir vor, den Zwischenstop in NY zu nutzen, um mir was zu Essen zu kaufen.

In NY dann der übliche Mist, Koffer am Band abholen und ihn durch die Zollkontrolle tragen. Blöderweise kam der Koffer vom Kollegen nicht an. Die Dame am Schalter meinte, der stünde noch in Mexico, tut ihr leid aber sie kann da jetzt nichts machen, wenn sie eine Meldung schreibt, kommt der Koffer zu ihr, wir sollen uns in Boston beschweren, damit der Koffer dahin kommt. Mittlerweile war es spät geworden, also hasteten wir zu unserem nächsten Flug, Zeit zum Essen bleib keine, ausserdem hatten die ganzen Läden am Flugsteig auch schon zu. Dabei war es erst 10 Uhr abends. Also in den Flieger, eine Bombardier CRJ900 (kleines Teil, aber nicht wirklich aufregend). Um dann im Flieger 50 Minuten auf den Start zu warten. Zu futtern gab es natürlich nix, nichtmal überteuerte Sandwiches. Entsprechend knurrte uns der Magen, als wir nachts um eins ins Hotel kamen. Dort empfahl man uns dann ein chinesisches Restaurant in der Nähe, das war sogar sehr gut und rettete uns die Nacht. Der verloren geglaubte Koffer tauchte dann übrigens in Boston auf. Weiss der Geier, weshalb der nicht durch die Zollkontrolle musste.

Der Rückflug begann ganz ok, diesmal hatte ich vorher ordentlich gegessen (man ist ja lernfähig), zuerst nach Atlanta mit einer MD87 (mal was anderes, aber auch nichts besonderes). Dort brach dann Chaos aus, der Flieger (eine alte B737 mit den doofen Bildschirmen an der Decke) kam verspätet an, weshalb wir erstmal an ein anderes Gate am anderen Ende des Flughafens beordert wurden. Dort kämpfte dann eine sichtlich überforderte Stewardess mit knapp 200 Leuten, die scheinbar alle dringend in den Flieger, der noch nichtmal da war, einsteigen wollten, ausserdem war der Flug überbucht, so dass sie freiwillige suchte, die auf einen späteren Flug umbuchen wollten. Als dann auch noch eine automatische Durchsage in einem letzten dringenden Aufruf dazu aufforderte endlich an Bord zu gehen, war das Chaos komplett, die Stewardess dem Nervenzusammenbruch nahe. So flogen wir mit über einer Stunde Verspätung ab.

Der Oberhammer kam dann etwa eine halbe Stunde vor der Landung, der Steward erklärte die Zoll- und Einreiseformalitäten und schloss diese damit ab, dass bei der Einreise ein Thermoscanner eingesetzt würde, um Fälle der Schweinegrippe zu erkennen. Wenn man also Fieber habe, solle man jetzt ein fiebersenkendes Mittel nehmen, um Probleme zu vermeiden.

Ich bin ja nun wirklich kein Schweinegrippenhysteriker, aber diesen Aufruf, Massnahmen zur Eindämmung der Schweinegrippe so dreist zu unterlaufen fand ich doch etwas seltsam. Ich hab' dann am Montag mal eine Mail an Delta geschickt und gefragt, was das denn sollte, aber scheinbar kommunizieren die nicht mit jedem.

Montag, Juni 22, 2009

1000 (und einen) gute Gründe

Es fällt mir verdammt schwer, etwas über das am Donnerstag verabschiedete Gesetz zur Zugangserschwerung zu Kinderpornografie im Internet zu schreiben. Dass ich es trotzdem versuche, liegt daran, dass ich dieses Gesetz für einen grossen Schritt in die falsche Richtung halte. Und wer glaubt, dass der Versuch hier fehl am Platz ist, weil dieses Gesetz nichts mit unserer Auswanderung oder unserem Leben in Mexico zu tun hat, irrt sich.

Ein gewichtiger Grund für meinen Wunsch, Deutschland zu verlassen, war das Gefühl, keinen Einfluss auf die Politik zu haben, die in Deutschland aber nunmal einen Grossteil des Lebens bestimmt. Zugegeben, auch hier in Mexico habe ich keinen Einfluss, es ist mir als Ausländer sogar untersagt, mich in die Politik einzumischen, allerdings hat die Politik weniger Einfluss auf mein Leben, als das in Deutschland der Fall war.

Zurück zum Thema: Politik als Hauptbeschäftigung kommt für mich nicht in Frage, das ist nicht wirklich mein Ding und ich habe auch kein Problem damit, jemanden zu bezahlen, der das für mich tut, genauso wie ich auch lieber einen Friseur bezahle, der mir die Haare schneidet, statt das selbst zu tun. Das Ergebnis ist zumindest im letzten Fall eindeutig besser, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass mein Friseur mich fragt, was ich denn in etwa von ihm erwarte, bevor er sich ans Werk macht.

Das ganze ist bei der Bundesregierung etwas schwieriger. Zum einen hält der Effekt der Kundenbefragung wesentlich länger an, im Normalfall 4 Jahre statt 4 Wochen und beim Friseur bin ich es gewohnt, dass er sich halbwegs an meine Vorgaben hält.

Die Bundesregierung hat also beschlossen, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, welches den Zugang zu Kinderpornografie im Internet erschweren soll. Es wurde von vielen Seiten angeführt, dass es besser sei, die Kinderpornos aus dem Internet zu nehmen, statt nur den Zugang zu erschweren, es wurde nachgewiesen, dass die Entfernung mit wenig Aufwand machbar ist, es wurde darauf hingewiesen, dass die im Gesetz vorgesehenen technischen Sperren mit einfachsten Mitteln zu umgehen sind und dass dieses Gesetz für eine Zensur des Internets missbraucht werden kann.

Es hat die Politiker nicht beeinflusst. Ganz im Gegenteil, eine Petition, die von über 100000 (in Worten Hunderttausend) Menschen unterzeichnet wurde, verpuffte wirkungslos, die Aussage des Wirtschaftsministers "dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben" lässt für mich nur den Schluss zu, dass er die Petition noch nichtmal gelesen hat. Interesse am Wählerwillen sieht anders aus.

Und somit wären wir wieder beim Thema dieses Eintrages angelangt: Es ist in Deutschland nicht möglich, Einfluss auf die Politik zu nehmen, wenn man nicht selbst Berufspolitiker ist. Warum dieses Gesetz gegen jeden Widerstand verabschiedet wurde, kann ich nicht beantwortet. Bestenfalls wollte Zensursula einfach nur im Wahlkampf punkten und sie hielt die technische Durchführung für nicht so wichtig, schlimmstenfalls wollen die Politiker tatsächlich das Internet zensieren, ich halte beide Interpretationen für möglich. Aber der Fall macht eines klar: Die Politiker sehen das Volk nicht als Auftraggeber, in dessen Dienst sie stehen, sondern als lästiges Übel, mit dem sie sich vor den Wahlen halt notgedrungen beschäftigen müssen, oder gar als Bedrohung, die es zu kontrollieren gilt. Ein Friseur mit diesem Verständnis von Kundenfreundlichkeit hätte es wahrschenlich schwer.

Schade eigentlich. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht wirklich irgendwer die Sperren für seine Zwecke missbraucht, sonst werden wir uns eines Tages vielleicht von unseren Kindern fragen lassen müssen, weshalb wir das denn nicht erkannt und etwas dagegen getan haben. Ob ich mich dann auf diesen Eintrag berufen kann?