Mittwoch, Oktober 26, 2005

Vorstellungsgespräche

[Dieser Artikel wurde ursprünglich auf blogall veröffentlicht und anschließend mit den Kommentaren hierher umgezogen.]

Da wir mit den Prozessen demnächst fertig werden, beginnen jetzt die Planungen für unsere Pilotprojekte, an denen dann die Prozesse getestet werden.

Für diese Pilotprojekte werden wir etwa 40 Leute einstellen, davon gut 30 für eher technisch orientierte Positionen. Und als Architekt und Java-Experte habe ich die Aufgabe, die technischen Fähigkeiten der Bewerber zu beurteilen.

Da sind mitunter richtig tolle Schoten bei. Nicht daß ich was gegen Quereinsteiger oder Autodidakten hätte, schließlich bin ich selbst einer. Aber wenn mir einer auf die Frage nach theoretischen Grundlagen antwortet, den Schnickschnack braucht er nicht, immerhin hat er schon 2 Jahre Erfahrung als Programmierer und bisher hat er noch jedes Problem gelöst gekriegt. "Sag' mir, was Du willst, egal was, und ich programmier's Dir!" Vielleicht ist er ja wirklich ein Naturtalent, aber wie will er etwas programmieren, wenn er nichtmal die einfachsten Anweisungen einer Programmiersprache kennt?

Oder der sehr selbstsicher auftretende Herr, der sich eigentlich als Programmierer vorstellte, dann aber doch lieber Prozess-Ingenieur werden wollte, weil er doch so viel Ahnung von CMMI hat. Lustigerweise hatte er auf jede Frage eine Antwort, er kam nie in die Verlegenheit mal sagen zu müssen, daß er da jetzt nix zu weis. Wäre manchmal aber besser gewesen, viele seiner Aussagen zu CMMI waren schlicht und ergreifend falsch. Und wenn selbst ich das merke (ich hab echt kaum einen Plan von dem Zeug), kann es mit seinen tollen Kenntnissen nicht sehr weit her sein.

Netter war da das Mädel, das schon seit einem Jahr für eine Bank Anwendungen entwirft. Naja, mit dem Programmieren hat sie es nicht so, das machen schließlich die Programmierer, da hat sie keine Erfahrung. Sie entwirft lieber. Nicht gerade der normale Werdegang, mir fällt so auf anhieb niemand ein, der ohne den Umweg über das Programmieren zum Entwerfen gekommen ist, aber man ist ja offen für Neues. Also hab' ich ihr ein paar Fragen zum Entwurf von Systemen gestellt und es kam ... richtig: nichts. Allerdings hab' ich durch beharrliches Nachfragen tatsächlich herausgefunden, was sie bei der Bank macht: Ich würde das eher als technische Dokumentation bezeichnen.

Lustig war auch der Architekt letzte Woche. In der Tat ein technisch sehr erfahrener Mensch, leider etwas detailverliebt. 7 (in Worten sieben) Seiten Lebenslauf. Und auf der letzten Seite listet er detailliert auf, welches Gehalt er im Moment bezieht und welche Vergünstigungen sein Arbeitgeber ihm einräumt. Das geht so weit, daß er ausrechnet, wieviel Geld er durch die Betriebskantine jährlich spart. Gut, daß ich nur seine Java-Kenntnisse beurteilen muss, ich wüsste nicht, ob ich ihm die letzte Seite als Auge für Details oder als Korinthenkackerei auslegen sollte.

Es gibt natürlich auch positive Momente, wenn man beispielsweise jemanden vor sich sitzen hat, der zwar nur wenig Erfahrung aufzuweisen hat, sich aber erstens dessen bewußt ist und außerdem intelligente Antworten gibt. Oder man befragt jemandem und kommt plötzlich ins Plaudern über Technologien und hat irgendwie das Gefühl, den kennt man schon ewig, mit dem könnte man prima zusammenarbeiten.

Leider sind das eher die selteneren Fälle. Wie sagt doch das alte Sprichwort: Man muß viele Frösche küssen, um einen Prinzen zu finden.




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Von: rolandmex · 26.10.2005 um 19:08:39 Uhr

Kenn' ich.
Das kommt davon, wenn's in einem Land keine Arbeitszeugnisse gibt (wo erklärt wird, was der Mann/die Frau tatsächlich gemacht hat), fast keine Empfehlungs-Schreiben, keine klaren Regeln in den Berufen (jeder Halbjahrs-"marca-patito"-Schulen-Besucher nennt sich "diseñador gráfico", weil er schon eine Linie in FreeHand gezeichnet hat) und sowieso nicht viel Ehrlichkeit bei den Vorstellungs-Gesprächen (man will ja schließlich hervorstechen, damit man den Job kriegt).

Warum ich so wettere? Habe schon verschiedene "interviewt" - und demnächst muß ich wieder einen "diseñador" einstellen.
Mittlerweile arbeite ich vorher einen Test aus, den sie bestehen müssen, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen (2 bis 3 Stunden "designen" mit gängigen DT-Programmen). Sonst fällt man nämlich zu schnell auf all' die tollen (Schein-) Qualifikationen rein.

Noch was: ich laß' mir die "solicitudes" immer per Mail an eine eigens eingerichtete GMail-Adress schicken (die nach der Bewerbungsfrist aufgegeben wird).
Bei sovielen Bewerbern ist das notwendig (hatte schonmal 50 für 1 Stelle) - und das Motto "don't call us, we call you" auch.

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