Dienstag, Oktober 13, 2009

Besuch im Knast (Viktor VIII)

Am Samstag habe ich Viktor besucht. Meine Fresse. Es ist 'ne Weile her, dass mir etwas dermassen an die Nieren gegangen ist.

Irgendwann, als ich seine Mutter mal wieder getroffen und mich nach ihm erkundigt habe, sagte sie mir, Viktor würde sich sicher freuen, wenn wir ihn mal besuchen würden und sie wäre uns gerne beim Papierkram wegen der Besuchserlaubnis behilflich. Nein, Lust hatte ich keine. Nicht, weil er mir egal wäre, ganz im Gegenteil, seine Geschichte geht mir nah und ich wünschte, ich könnte mehr für ihn tun, als ihm Geld für seinen Anwalt zu leihen. Aber die Geschichte bewirkt auch ein unangenehmes Gefühl, es lässt in mir die Angst aufsteigen, selbst Opfer dieses Systems zu werden. Weshalb ich lieber nicht allzuoft daran denken mag. Aus diesem Grund hatte ihr Angebot in etwa den Reiz eines Zahnarzt-Besuchs. Trotzdem brachte ich es nicht übers Herz, ihr den indirekt vorgetragenen Wunsch abzuschlagen, zum einen eben, weil Viktor mein Freund ist und auch, weil ich merkte, wieviel es ihr bedeutete.

Wir verabredeten uns also mit seiner Freundin, sie wollte schon recht früh da sein, weil die Kontrolle des Essens, welches sie mitnehmen wollte immer etwas länger dauert und uns dann später am Eingang abholen. So standen wir pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt am Eingang, unsere Stimmung schwankte irgendwo zwischen Bedrückung und Neugier, wir waren beide noch nie in einem Knast zu Besuch, wussten aber (oder vielmehr ahnten wir) aus den Erzählungen seiner Mutter, dass so ein Besuch im Knast eher unangenehm ist.

Seine Freundin kam heraus und begleitete uns zum Schalter, an dem wir unsere Besuchserlaubnis bekamen. Dann wurden wir, nach Geschlecht getrennt, abgetatscht durchsucht. Nach Waffen, Mobiltelefonen und Ausweissen. Allerdings nur sehr oberflächlich, scheinbar war es dem Wachmann wichtiger, mich um 10 Peso Trinkgeld anzuhauen, als seine Arbeit zu tun. Anschliessend bekamen wir einen unsichtbaren (bzw. nur unter UV-Licht sichtbaren) Stempel auf den Arm und wurden ermahnt, uns den Arm nicht zu waschen, weil dieser Stempel uns als Nicht-Häftling ausweisst. Und wurden wieder um Trinkgeld angehauen.

Bis hierher hatten wir etwa 200m durch irgendwelche Gänge zurückgelegt, nichts Besonderes, das ganze wirkte nicht trister als andere, etwas in die Jahre gekommene Behördengebäude auch. Dann liefen wir durch einen Innenhof auf ein Gebäude zu, das Erdgeschoss war offen, darüber eine vergitterte Öffnung über die ganze Breite, dahinter die Häftlinge. Alle starrten wartend auf den Ausgang, aus dem wir kamen, einige mit Hoffnung oder gar Freude über den bevorstehenden Besuch auf dem Gesicht, anderen sah man die Enttäuschung über das vergebliche Warten bzw. die Angst vor der Enttäuschung an.

In dem Moment, als wir die unsichtbare Schwelle des Gebäudes betraten, brach die Hölle los. Die Häftlinge stürmten auf uns ein, riefen uns Dinge zu, die ich nicht verstand, wenn uns einer zu nah kam, bekam er von einem Wärter den Schlagstock in den Rücken. Plötzlich stand Viktor vor uns, begrüsste uns kurz, dirigierte uns eine Treppe hoch und versuchte, uns vor den anderen Häftlingen abzuschirmen, die weiter auf uns einstürmten. Oben angekommen wurde es etwas ruhiger, wir befanden uns wahrscheinlich auf dem Dach der Anstalt, so genau konnte ich das gar nicht ausmachen, über uns waren Planen gespannt, die uns vor der Sonne schützten und die ganze Fläche war mittels Planen in etwa 5 mal 10 Meter grosse Bereiche unterteilt. Viktor führte uns in einen dieser improvisierten Räume, der mit Tischen und Stühlen bestückt war und wir konnten uns endlich begrüssen.

Mein erster Eindruck hat mich etwas geschockt, er hat einige Kilo abgenommen (er war vorher schon verdammt schlank) und in der beigen Häftlingskleidung und mit seinem milimeterkurzen Haarschnitt erinnerte er an den typischen geschundenen Gefangenen den man aus Filmen kennt. Später gewann ich dann nach und nach den Eindruck, dass er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Ihn glücklich zu nennen wäre sicher stark übertrieben, aber er akzeptiert die beschissene Lage, in der er ist und versucht das Beste daraus zu machen.

Wir setzten uns also an einen Tisch, seine Freundin packte das Essen aus, welches sie mitgebracht hatte, wir assen und redeten. Er wollte natürlich wissen, was draussen los ist, wie es seiner Familie geht, und er erzählte uns von seinem Alltag.

Davon später mehr.

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